COMT-Gen und ADHS: Wenn Oestrogen nicht richtig abgebaut wird

Warum schwanken ADHS-Symptome so stark – je nach Zyklusphase, je nach Stresslevel, je nach Lebensphase? Ein Gen spielt dabei eine groessere Rolle als die meisten ahnen.

Vielleicht kennst du das Gefuehl: Kurz vor der Periode – oder mitten in den Wechseljahren – brichst du regelrecht ein. Konzentration weg. Reizbarkeit hoch. Motivation irgendwo zwischen Null und Minus.

Und du denkst: Das kann doch nicht alles nur Hormone sein.

Es ist nicht nur Hormone. Aber Hormone spielen eine groessere Rolle als die meisten ahnen. Und ein bestimmtes Gen entscheidet darueber, wie gut dein Koerper dabei mitkommt.

Dieses Gen heisst COMT. Und wenn es nicht optimal arbeitet, kann das ADHS-Symptome erheblich verstaerken.

Was ist das COMT-Gen?

COMT steht fuer Catechol-O-Methyltransferase. Das klingt kompliziert – ist es auch. Aber das Prinzip ist simpel.

COMT ist ein Enzym, das Dopamin abbaut und recycelt. Es sorgt dafuer, dass Dopamin im richtigen Moment verfuegbar ist – und nach der Nutzung wieder abgebaut wird. Es baut ausserdem Oestrogen ab.

Und hier liegt die entscheidende Verbindung fuer Frauen mit ADHS.

 

Den Oestrogen-Dopamin-Zusammenhang verstehen:

ADHS und Hormone: Warum dein Zyklus deine Symptome steuert

Zwei Varianten - zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen

Die schnelle Variante (Val/Val)

Das Enzym baut Dopamin schnell ab. Dopamin ist oft zu niedrig verfuegbar. Konzentration, Motivation und Stresstoleranz leiden. Klassische ADHS-Symptomatik wird verstaerkt.

Die langsame Variante (Met/Met)

Das Enzym baut Dopamin langsam ab. Dopamin bleibt laenger im System. Gut unter ruhigen Bedingungen – aber unter Stress fuehrt ein Dopaminueberschuss zu Reizbarkeit und Uebererregung.

Die gemischte Variante (Val/Met)

Irgendwo dazwischen – mit Elementen beider Seiten. Keine Variante ist besser oder schlechter. Aber sie erklaert, warum manche Frauen unter Druck aufbluehen und andere zusammenbrechen.

Was das mit Oestrogen zu tun hat

Das COMT-Enzym baut nicht nur Dopamin ab – sondern auch Oestrogen und seine Stoffwechselprodukte.

Wenn COMT langsam arbeitet (Met/Met): Oestrogen und seine Abbauprodukte bleiben laenger im Koerper und koennen das Nervensystem zusaetzlich belasten. Gleichzeitig bleibt Dopamin laenger verfuegbar – was gut klingt, aber bei Stress zur Ueberstimulation fuehrt.

Wenn COMT schnell arbeitet (Val/Val): Oestrogen wird zuegig abgebaut. Dopamin ebenfalls – in oestrogenschwachen Phasen wird Dopamin besonders knapp.

Das Ergebnis in beiden Faellen: Hormonschwankungen treffen das ADHS-Gehirn haerter als bei Frauen ohne diese Genvariante.

Wann macht sich COMT besonders bemerkbar?

Praemenstruell

In der zweiten Zyklushaelfte sinkt Oestrogen. Bei Val/Val: Dopaminmangel trifft das ohnehin ADHS-anfaellige System. Bei Met/Met: sinkende Oestrogenspiegel destabilisieren das empfindliche Gleichgewicht.

Typische Symptome – Konzentrationsprobleme, emotionale Instabilitaet, Erschoepfung – werden klassischerweise als PMS abgetan.

 

Mehr zum Zusammenhang zwischen Zyklus und ADHS:

PMS oder ADHS? Warum beides oft zusammen auftritt

 

Perimenopause

Der Oestrogenabfall ist staerker und unregelmaessiger. COMT-Varianten, die jahrelang kompensierbar waren, treten jetzt in den Vordergrund.

Viele Frauen erleben in dieser Phase eine Art Enthuelllung: Was vorher funktionierte, funktioniert ploetzlich nicht mehr.

 

ADHS in den Wechseljahren: Wenn der hormonelle Puffer wegbricht

ADHS mit 40, 50, 60: Warum sich deine Symptome veraendern

 

Unter Dauerstress

Stress erhoeht den Dopaminverbrauch. Bei Val/Val: Das System leert sich schneller. Bei Met/Met: Stress fuehrt zu einem Dopaminueberschuss, der sich als Angst und Reizbarkeit aeussert.

Was das NICHT bedeutet

COMT ist eine Neigung, kein Schicksal. Viele Frauen mit der Val/Val-Variante haben keine starken ADHS-Symptome. Viele Frauen mit ADHS haben voellig unaufaellige COMT-Gene.

Gene interagieren – mit anderen Genen, mit Ernaehrung, mit Hormonen, mit Stress, mit Schlaf. Ein Gentest allein gibt kein vollstaendiges Bild.

Die Gentest-Falle

Gentests werden inzwischen ueberall angeboten – oft mit dem Versprechen, endlich Klarheit zu schaffen.

Die Realitaet: Die meisten Tests geben Rohdaten, die ohne Kontext mehr verwirren als helfen. Ein Test kann ein hilfreicher Ausgangspunkt sein. Er ersetzt aber nicht das Verstaendnis der eigenen Biochemie.

Was wirklich hilft: Beobachtung. Kontext. Das Gesamtbild verstehen.

Das Wichtigste zum Schluss

Wenn deine ADHS-Symptome sich zyklusabhaengig veraendern, wenn du in der Perimenopause einen ploetzlichen Einbruch erlebst, wenn du unter Stress ganz anders reagierst als in ruhigen Phasen – dann lohnt es sich, COMT als moegliches Puzzlestueck zu betrachten.

Nicht als Diagnose. Nicht als Ausrede. Sondern als Erklaerung, die dabei helfen kann, gezielter zu handeln.

Im digitalen Ratgeber ADHS bei Frauen findest du ein eigenes Kapitel zu Genetik – mit einer verstaendlichen Einordnung von COMT, MTHFR und Methylierung, ohne dich in Biochemie zu verlieren.

Über die Autorin

Kathrin Brämer ist Heilpraktikerin mit über 14 Jahren Erfahrung in der Hormonberatung für Frauen. Sie ist spezialisiert auf das Zusammenspiel von Hormonen, Erschöpfung und ADHS bei Frauen in den Wechseljahren. In ihren Kursen und ihrem Ratgeber verbindet sie fundiertes Fachwissen mit einem Blick für das, was Frauen mit schnellem System wirklich brauchen: Einordnung statt Etikett, Verstehen statt Optimieren.

error: Content is protected !!
Nach oben scrollen